
(Prof. Dr. Hottinger, Geologisches Institut, Universität Basel)
"Der Fels, durch den sich der Trümmelbach hindurchgefressen hat, besteht
aus dicken Kalkbänken (2). Diese sind als Kalkschlamm in einem Flachmeer
abgelagert worden, welches sich vor 140 Millionen Jahren, in der Ober-Jura-Zeit,
über den ganzen europäischen Kontinent ausgebreitet hatte. 100 Millionen
Jahre später ist das Gebiet des Berner Oberlandes in die Gebirgsbildung
der Alpen einbezogen und aufgefaltet worden. Durch die Faltung wurden die Kalke
(2) durch mächtige, weiter südlich abgelagerte Schichtpakete (3) (Wildhorndecke)
überdeckt und zusammengepresst. Fältelungen und Fliess-Strukturen sind
heute noch an den vom Trümmelbach polierten Wänden deutlich sichtbar
und zeugen von den enormen Drucken, denen dieses Schichtpaket (3) während
der Gebirgsbildung ausgesetzt war. Sogar die tiefere Erdkruste aus kristallinem
Urgestein (1), die einst den Boden des seichten Jurameeres gebildet hatte, ist
von der alpinen Faltung ergriffen worden. Grobe Schub-Späne dieses Urgesteins
bauen heute den Jungfrau-Gipfel auf und liegen jetzt hoch über den Meeresablagerungen,
die ihre ursprügliche Bedeckung waren.
Die Alpen sind aber erst nach dem Zusammenschub durch Hebung zu einem hohen Gebirge
geworden: Die Heraushebung begann vor etwa 10 Millionen Jahren und dauert noch
heute an. Gleichzeitig begannen Regen, Schnee und Eis das Gebirge abzutragen bis
in die tiefsten Stockwerke hinunter. Damit kann die Geschichte der Alpen überhaupt
erst entziffert werden, denn die Natur der Gesteine und die Art ihrer Stapelung
übereinander werden an den eingeschnittenen Talhängen sichtbar. Vor
500.000 Jahren begannen die Gletscher der Eiszeiten die heutigen Täler auszuheben
und einen grossen Teil des älteren Schutts wegzuräumen. Die blanken
Felswände des Lauterbrunnentales verraten die erosive Kraft des Eises, das
einst das Tal bis zum Rand gefüllt hat (4).
Während der Staubbach und seine Geschwister als Wasserfälle frei über
die vom Eis gehobelten Felswände stürzen, hat der Trümmelbach
angefangen, sich in den Fels zu bohren, als das Tal noch mit Eis gefüllt
war (4). Die seitlichen Schmelzwasser des Gletschers haben eine Gletschermühle
in Gang gesetzt, die während eines guten Teils der letzten Eiszeit funktioniert
haben muss und durch einen Glücksfall nicht von Moränenschutt verstopft
wurde. Durch dieses Gletschermühlenloch haben die oberflächlichen Schmelzwasser
ihren Weg bis an die Gletschersohle gefunden und sind dann, etwa bei Lauterbrunnen,
unter dem Gletschereis hervorgestrudelt. So donnert der Trümmelbach seit
etwa 15.000 bis 20.000 Jahren durch den Fels als ein wahrlich beredter Zeuge der
letzten Eiszeit".